2016. Blind Date in Chamonix
27.03.2016

Es ist uns von Anfang an klar, dass wir für diese Unternehmung einen Bergführer brauchen. Der Mont Blanc – so lesen wir in vielen Reportagen – ist mit seiner speziellen Wetterlage und den daraus resultierenden Bedingungen am Berg ein sehr gefährliches Terrain. Also machen wir uns auf die Suche und nehmen mit allen möglichen Alpin- und Bergschulen Kontakt auf. Schnell merken wir, dass wir hier keinen Schritt weiter kommen. Mont Blanc aus dem ‚Katalog‘ ist nicht unser Programm. Auch die Bergschulen verzweifeln an unseren vielen Fragen und unserer Vorstellung zur Akklimatisierung und unserer präferierten Routenwahl über das Refuge Gôuter. Fast alle haben den Aufstieg über die sogenannte Cosmique-Route im Programm. Die wollen wir so überhaupt nicht. Sich mit der Gondel auf 3.842m zur Aiguille du Midi beamen und dann über Mont Maudit und Mont Tacul vorbei an den unberechenbaren Séracs (Gletschereistürme) zu steigen, kommt für uns nicht in Frage. Unser Wunsch ist es, sich dem Berg Stück für Stück zu nähern.

Außerdem ist es uns wichtig, dass wir den Bergführer bereits im Vorfeld kennenlernen und er uns schon vor dem Mont Blanc in Aktion erleben kann. Wir wollen sicher gehen, ob wir uns mit diesem Ziel nicht doch komplett übernommen haben. Guter Rat ist gefragt. Er kommt ausgerechnet von der Alpinschule mit der wir 2015 die Alpen überquert haben: „Sucht euch doch einen Bergführer vor Ort!“. Machen wir und werden fündig!

Andreas Peisser. Ein Österreicher, den es der Liebe wegen nach Frankreich geschlagen hat, wo er mit seiner Frau und seinen drei Kindern lebt. Das kann kein Zufall sein sagen wir uns, wo doch Marie der Liebe wegen von Frankreich nach Deutschland gekommen ist und hier mit ihrem Mann und den drei erwachsenen Kindern lebt. Auf Andreas Internetseite lesen wir: „Spaß am Berg, mit Hirn unterwegs und immer sicher zu Hause ankommen!“ Das klingt für uns fantastisch – da rufen wir gleich mal an. Er ist gerade im Naturschutzgebiet der Carmague, wo er mit seinem Sohn ‚Vogerln‘ beobachtet, neben den Bergen seine zweite große Leidenschaft. Der Draht stimmt sofort, die Wellenlänge auch – und on top gibt es unsere favorisierte Route, die auch seine ist. Läuft! Und das Beste, Andy hat auch noch Termine für eine Vorbereitung auf der Monte Rosa Runde im Juni frei und die Besteigung des Mont Blancs setzen wir auf September an. Er würde gerne seinen Geburtstag auf dem Gipfel mit uns feiern.

Der Mann wird uns immer sympathischer. Dennoch wollen wir auf Nummer sicher gehen. Wir verabreden ein Blind Date mit ihm in Chamonix und reisen am Osterwochenende zum ersten Mal dorthin. Schließlich wollen wir den Kerl kennenlernen, dem wir unser Leben anvertrauen. Als Treffpunkt für die erste Begegnung wählt Andreas nicht irgend ein Bistro sondern. . . den Chanel-Laden. Der Mann scheint sich mit Frauen auszukennen, denken wir. Die Begrüßung ist so herzlich, dass wir alle drei das Gefühl haben, uns schon lange zu kennen. Wir gehen was trinken, erzählen, planen und freuen uns, dass wir uns begegnet sind. Andy ist unser Mann für die Berge und für den Mont Blanc, das steht fest. Ihm ist es auch wichtig, die Berge bewusst zu genießen und nicht nur den schnellen Gipfelerfolg zu erzielen. Außerdem liebt Andy wie wir gutes Essen, einen guten Wein und nachmittags gerne mal eine köstliche Tarte au Citron.

Seit dem Treffen im März waren wir mit Andreas im Juni 2016 auf der Monte Rosa Runde bei der auch unser liebe Freundin Andrea mit von der Partie war und sind mit ihm unsere ersten Viertausender bestiegen. Er hat uns im September 2016 sicher über die frisch verschneiten Gletscher bei der Turiner Hütte geführt und ist mit uns dort auf die Aiguille de Toulle in der Mont Blanc Gruppe gestiegen. Auf dem kleinen Gipfelplateau hat er uns mit einem schönen Lemberger Rosé überrascht, den wir ihm mitgebracht hatten. Es ist ihm am nächsten Tag merklich schwer gefallen, uns zu sagen, dass Neuschnee unseren geplanten Aufstieg zum Mont Blanc unmöglich macht und wir dieses Ziel in 2016 nicht mehr erreichen können. Auch am Gran Paradiso, wo wir mit ihm im April 2017 waren, konnten wir den Gipfel nicht wie geplant mit Schneeschuhen stürmen, weil abermals Neuschnee und stürmischer Wind uns in die Quere kamen. Dennoch hat er uns wundervolle Touren durch die tief verschneite Landschaft beschert, mit uns LVS (Lawinenverschüttetensuche) geprobt und Schneebiwaks gebaut. Jede Stunde dieser Touren konnten wir in vollen Zügen genießen. Und wenn nicht draußen, dann in der Hütte beim Kaffee und Kuchen, oder einem Grolla. Der auch als Coppa dell'amicizia, Freunschaftsbecher, bezeichnete hölzerne Trinkkelch mit fünf und mehr Öffnungen ist typisch für das Aostatal. Unter viel Gelächter haben wir daraus den Caffè alla Valdostana getrunken, ein Kaffee mit Grappa und Orangen- und Zitronenschalen.

Und im Juli 2017 ging es in unserer jetzt schon vertrauten Dreierseilschaft auf den Mont Blanc – mit allen erlebten und geschilderten Facetten. Andreas haben wir am Abend vor dem Abmarsch in unser Wein & Berg Projekt eingeweiht. Er war sofort begeistert und hat sich ohne zu Zögern bereit erklärt, Wein und Glas auf den Gipfel zu schleppen. Auch im Rucksackpacken ist er ein echter Profi.

Wir haben tiefstes Vertrauen zu Andreas. Mit ruhiger Art fordert er uns in gefährlichen Abschnitten zur Konzentration auf und lädt uns in leichten Passagen ein, den Blick zu heben, um die grenzenlose Schönheit der Bergwelten in uns aufzunehmen.

Wir freuen uns jetzt schon auf die nächsten Touren mit ihm, die wir bereits im Auge haben.