2017. Revierwechsel zum Breithorn
04.07.2017

Am nächsten Tag wechseln wir das Revier. Es ist eine Nacht auf dem Kleinen Matterhorn geplant. Die Lodge liegt auf 3883 m ist es perfekt für eine weitere Nacht in der Höhe. Zermatt durchschreiten wir zügig – im Slalom geht es über die Hauptstraße und internationale Touristenschwärmen, die die zahlreichen Souvenirläden stürmen. Uns interessiert nur die Matterhorn Bahn, die uns nach oben katapultieren wird. Andreas, unser Bergführer, hat uns dringend geraten, das Sportprogramm in den Akklimatisierungstagen mäßig zu gestalten. Da wir beim ersten Versuch, hier Lehrgeld bezahlt haben, halten wir uns dieses Mal an die Absprachen. Die Lodge mit wenigen Betten dient gerade als Unterkunft für die Bauarbeiter, die die neue Seilbahn vom Trockenen Steg zum Kleinen Matterhorn bauen. So teilen wir uns diese luftige Herberge mit einem Duzend italienischer Männer und einer weiteren Zweier-Seilschaft, die den Sonnenaufgang vom Breithorn fotografieren wollen. Wir sind die einzigen Frauen hier oben. Keine Menschenseele außerhalb dieser Lodge ist hier oben. Durch das Panoramafenster schauen wir direkt in den Himmel. Wir wohnen buchstäblich zwischen den Wolken. Hochhaushoch bauen sich wilde Wassernebelgebilde vor uns auf und ändern sekündlich Form und Farbe. Was für ein Spektakel! Noch vor Sonnenuntergang liegen wir in den Schlafsäcken.

Um 4:30 Uhr wecken uns erneut Kopfschmerzen. Dieses Mal reicht der Instant-Kaffee, den wir uns in der Küche selber brauen. Ein Blick durch das Panoramafenster zeigt uns, dass die Wolken verschwunden sind und wir trauen unseren Augen kaum, als wir zusehen dürfen, wie die ersten Sonnenstrahlen den Gipfel des Mont Blanc in der Ferne anleuchten und die sonst so weiße Kuppel in ein sattes Orangerot kleidet. Das ist atemberaubend schön und es fällt schwer sich vorzustellen, dass wir wirklich einmal dort oben stehen könnten. Zuerst geht es aber heute auf das 4164 m hohe Breithorn. Wir sind ganz alleine auf dem Gletscher. Allein diese Tatsache ist schon extrem bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass dieser Viertausender als der am häufigsten bestiegene Viertausender gilt. Das Foto-Team ist schon wieder zurück. Der Berg gehört uns. Das ist etwas unheimlich – so alleine in dieser Höhe und in dieser eisigen Umgebung. Konzentriert seilen wir uns an. Mit Herzklopfen nehmen wir den Anstieg auf. Es läuft wie am Schnürchen. Die Schritte leicht. Jetzt zeigt das viele Training und die Anpassung an die Höhe Wirkung. Mit jedem Meter gewinnen wir an Sicherheit. Der Anstieg über die mehr als 30 Grad steile Flanke läuft gut. Am Sattel machen wir eine kurze Pause. Unten am Gletscher sehen wir, wie die ersten Seilschaften sich startklar machen. Sie werden uns vor dem Gipfel nicht mehr einholen. Der Grat zum Gipfelplateau ist lang und äußerst schmal. Ohne Bergführer klopft jetzt das Herz ein bisschen schneller. Umso überragender ist die Ankunft auf dem einsamen Hoch. Wir kosten die Zeit voll aus. Versinken in ein Meer von Bergen, genießen ein ausgiebiges mitgebrachtes und herzhaftes Frühstück und blicken immer wieder verstohlen zum Mont Blanc. Morgen. Morgen beginnt der Aufstieg. Als die ersten Seilschaften kommen, machen wir uns vom Acker. Der Abstieg ist im Nu erledigt. Mit der Bahn geht’s bergab und nach Chamonix. Die Akklimatisierung ist abgeschlossen. Der Puls auf Normalniveau – wenn das Herz höher schlägt, dann vor Freude auf das, was kommt.