2017. Gipfeltag. Eine schwere Entscheidung
08.07.2017

Um 1:40 klingelt der Wecker. Die Rucksäcke sind längst vorbereitet. Daunen- und Hardshelljacke dürfen mit; sowie eine ½ Liter Marschtee. Der Rest wird entweder getragen oder bleibt auf der Hütte. Mit Waschen sind wir schnell fertig, es gibt ja kein Wasser auf diesen Hütten. Um 2 Uhr Frühstück, wir hauen ordentlich rein und um 2:45 Uhr starten wir in voller Montur mit Steigeisen und Stirnlampen in die Vollmond-Nacht hinein und ins Ungewisse, was dieser Tag uns bringen wird. Das Herz schlägt lauter als sonst. Es ist längst nicht so überlaufen und voll, wie gerne erzählt wird. Die Nacht ist ruhig, nur ab und zu hört man Stimmen, die sich aber bald verlieren. Wir reden nicht. Wir sehen nichts. Nur die zwei spitzen vorderen Stahlzähne der Steigeisen erscheinen im Lichtkegel der Stirnlampe und wenn wir kurz den Blick heben, leuchtet uns der Vollmond an. Weiter oben am Aufstieg sind winzig klein Lichter vorausgehender Seilschaften. Das geht ganz schön hoch. Es läuft gut. Der Rhythmus stimmt. Atmung und Schritt müssen eins sein. Wir kommen gut voran, alle beide. Bald hören wir Andy sagen, wir haben die 4.000 Marke erreicht. Noch 810 Höhenmeter. Wir erreichen schnell den Dôme du Goûter (4304m), danach über ein offenes Gletscherfeld. Der Wind wird immer stärker, bläst uns eiskalt in jede offene Lucke, die die Kleidung nicht abdeckt. Wir fangen an zu frieren. Am Kopf, Nacken, Füße, die Hände. Wie soll das erst da oben werden?! Es ist noch immer dunkel. Vielleicht wird die Sonne wärmen redet sich jede von uns zu. Um 5:45 Uhr soll sie aufgehen. Noch über eine Stunde. Wir erreichen das Vallot-Plateau auf 4362 m und Andy fordert uns auf, unsere Daunenjacken und am besten auch gleich die Hardshelljacke anzuziehen. Das ist gar nicht so einfach. Wir müssen höllisch aufpassen, dass der stürmisch, kräftige Wind sie nicht unseren unsicheren, handschuhbepackten Händen entzieht. Was dann passiert, wirft bis heute Fragen auf. Marie bekommt von jetzt auf nachher einen Schüttelfrost, zittert am ganzen Leib, ihr wird übel. Andreas entscheidet, dass wir in die nahe gelegene Biwakschachtel gehen. Wir krabbeln hinein, den eisigen Wind lassen wir draußen toben. Drinnen herrscht ein Müllchaos aus Rettungsdecken und Getränkedosen; vielmehr ist im Schein der Stirnlampen kaum zu erkennen. Langsam bricht die Morgendämmerung an, ein schwacher Lichtstrahl fällt durch die kleinen Fensterluken. Marie wird in eine der Rettungsdecken gepackt, die sie wärmen soll, genau wie der mitgebrachte Tee. Es hilft alles nichts, auch keine Schokolade. Das Zittern hört nicht auf. Was tun? Ist hier Schluss? Es sind bange und unsichere Minuten. Für diese Situation sind wir absolut nicht vorbereitet. Klar ist nur, dass ab jetzt der Berg, der stürmische Föhn-Wind und die Höhe alles von uns abverlangen werden Wie entscheiden? Was ist richtig?

Hier erfahrt ihr, wie es weiter geht.