2017. Scheiter heiter
17.09.2017

Es ist bereits 16 Uhr. Der Nebel wird immer dichter und der für den Nachmittag angekündigte Schneeregen ist in den Startlöchern. Hinter uns liegen – nach wochenlanger Pause schon 1600 Höhenmeter, viele Stunden des Aufstiegs und Teile des Wormser Höhenwegs – vor uns stehen noch vier Stunden Marsch bis zur Heilbronner Hütte, Schneefall und einbrechende Dunkelheit. Was tun?

Seit wir vom Mont Blanc zurück sind, waren wir nicht mehr in den Bergen. Es ist das erste freie Wochenende. Die Sehnsucht nach den Bergen ist immens und auf die Wildspitze, mit 3768m der höchste Berg Tirols, haben wir schon lange ein Auge geworfen. Die Steigeisen liegen in den Startlöchern, die Breslauer Hütte ist reserviert. Doch zu unserem großen Bedauern will das Wettersymbol mit den Schneesternchen so gar nicht weichen und verheißt 30 cm Neuschnee für die Nacht auf den Sonntag und damit den Gipfeltag! Planänderung: aus Bergsteigen wird ein Wanderprogramm und ab geht es ins Montafon. Dort ist zwar auch Schneefall angesagt, aber für den Sonntag ist nur noch der Abstieg von der Heilbronner Hütte geplant und da macht ein bisschen Schneegestapfe nichts aus, birgt keine Gefahren. Der Föhn soll erst am späten Samstagnachmittag zusammenbrechen und damit Regen und Schnee Tür und Tor öffnen – bis dahin, so der Plan, sitzen wir längst gemütlich in der Hütte. Pustekuchen!

Wer schon mal von Gortipohl zum Wormser Höhenweg aufgestiegen ist, weiß warum man auf diesem Weg selten bis nie auf andere Wanderer trifft. Dieser Weg darf getrost als äußerst effizient bezeichnet werden. Die ca. 1300 Höhenmeter verschwenden keine Strecke. Direttissima. In der Falllinie geht es ambitioniert nach oben.

Bei schönem Wetter entschädigen eine wildromantische Hochmoor-Landschaft und grandiose Aussichten auf die Silvrettagruppe. Heute müssen wir uns allerdings damit begnügen, dass die Heidelbeersträucher ein übergroßes Angebot an vollreifen Beeren für uns bereithalten. Wer sollte sie hier oben auch ernten? Selbst die Kühe haben schon Reißaus genommen und die Alpe Netz liegt verlassen am Berg.

Dichte Nebelschwaden machen sich breit und schlucken gierig eine Wegmarkierung nach der anderen. Und irgendwann taucht gar keine mehr auf. Lost im Montafon. Wieder zurück zur letzten Markierung, fragen wir uns? Kostbare Höhenmeter verlieren? Eher nein. Irgendwo da oben muss der Wormser Höhenweg ja sein. Wir befinden uns bereits auf 1900m.


Bei einem schnellen Käsebrot und einem Blick auf die Karte entscheiden wir uns, durch die Heidelbeersträucher zu brechen und machen unseren eigenen Weg. Effizienz bekommt noch einmal eine neue Qualität. Nach weiteren 300 Höhenmetern in freier Wildbahn haben wir festen Boden unter den Füßen und ein Schild vor uns. Noch 5 Stunden bis zur Heilbronner Hütte. Uups! Es ist bereits 14 Uhr und die Heidelbeer-Etappe hat Kraft gekostet. Das könnte knapp werden. Aber im Normalfall unterschreiten wir die Wegzeiten auf den Schildern. Also – Augen zu und weiter geht’s im flotten Tempo. Leider auch mit der Wegmarkierungssuche im Nebel. Nach der letzten Erfahrung sind wir vorsichtiger geworden - die Zeit läuft uns davon!

Um 16 Uhr erreichen wir den Grat, das Maderer Jöchle (2251m). Die feuchte Kühle des Nebels sitzt uns im Nacken und in den Gliedern. Zeit für eine kurze Pause, einen heißen Tee und ein paar Kekse. Außerdem scheint es ratsam, die Hardshell-Montur anzuziehen. Auf den Wetterbericht ist Verlass – die ersten fetten Tropfen fallen vom grauen Himmel.

Wir sind irgendwo im Nirgendwo – so fühlt es sich an. Keine Berge, keine Menschen, Kein Oben und Unten, keine Hütte! Die Sicht gibt gerade mal die nächsten 30 Meter frei. Das läuft hier nicht mehr unter Plaisir-Wandern. Der Blick auf die Karte zeigt, wir kommen heute nicht vom Fleck. Die Strecke bis zur Hütte ist noch ewig lang und wenig verheißungsvoll. Von dem abwechslungsreichen Höhenweg und der grandiosen Aussicht werden wir definitiv nichts mitbekommen. Wenn wir weiterhin so schleppend vorankommen, sind uns außerdem Dunkelheit und Schnee sicher. In der Kombination können auch vermeintlich leichte Passagen schnell zur gefährlichen Rutschpartie werden. Die weiteren Aussichten: ein vermutlich über unser spätes Eintreffen wenig amüsierter Hüttenwirt, das olfaktorische Vergnügen des Trockenraums mit hunderten verschwitzen, nassen Wanderklamotten, der Charme eines kühlen Matratzenlagers und schlussendlich – morgen nach Frühstart und dürftigem Frühstück eine Rutschpartie ins Tal. Was wir sonst so lieben, erscheint uns gerade nicht so richtig verlockend. Also was tun? Augen zu und durch? Volles Risiko bei null Vergnügen? Die Vorstellung am Ende des Tages vielleicht doch im Notfall-Biwaksack eng an eine Felswand gelehnt die Nacht zu verbringen, löst auch keine wirkliche Euphorie aus. Jetzt und hier wir haben noch die Chance, die Richtung zu ändern. Unsere Auswahl: 3 ¾ Stunden (rein theoretisch) auf gleicher Höhe bis zur Hütte, oder 3 ¼ Stunden, noch ein paar Höhenmeter mehr und gesalzene 1400m bergab ins Tal. Aufgeben? Hallo, geht’s noch - wir kommen gerade vom Mont Blanc und knicken jetzt auf einem Höhenwanderweg ein? Ja! Das machen wir und entscheiden uns recht zügig und vollkommen übereinstimmend für das Tal.

„Wer umdrehen kann, kann wiederkommen.“ Das gilt auch für den Wormser Höhenweg.

Umzudrehen, ein Ziel aufzugeben – diese Entscheidung ist nicht leicht – bedeutet es auch, zu scheitern. Wir müssen da immer wieder durch und haben so schon eine Liste an unvollendeten Projekten und Plänen generiert.

Wie kommen wir zu dieser Entscheidung? Egal, ob am Gran Paradiso, an der Hammerspitze, am Mont Blanc oder auf dem Worsmer Höhenweg? Wenn ein Bergführer dabei ist, übernimmt er das Kommando. Am Gran Paradiso hat Andreas entschieden, dass die Neuschnee und Wetterlage den Schneeschuh-Aufstieg zu gefährlich machen. Wenn wir alleine unterwegs sind, tragen wir die Verantwortung für diese Entscheidung und die Konsequenzen, deren Tragweite in den Bergen möglicherweise lebensgefährlich ist. Sich für etwas zu entscheiden, heißt immer auch gegen die Alternativen zu stimmen. In den Bergen geschieht das zudem meist unter Zeitdruck, nicht selten unter schwierigen Bedingungen.

Bauch oder Kopf? Verstand oder Gefühl?

Wie entscheiden? Im Idealfall hat man für kritische Punkte einen Plan B parat, verständigt sich im Vorfeld über Grenzen, die nicht überschritten werden sollen, auf ein Risikoniveau, dass für alle noch erträglich ist. Wir haben das große Glück, dass wir sehr ähnlich ‚gestrickt‘ sind. Wir sind beide mit einem starken Bauchgefühl ausgestattet und fällen Entscheidungen intuitiv. Unser BERGGEFÜHL nährt sich nicht ausschließlich von dem Erreichen eines Zieles, eines Gipfels. Das Ziel treibt uns an, aber der Weg dorthin, was wir erleben, entdecken, erlernen füllt uns aus. Wir wollen die Berge genießen, nicht sie erobern.

So entscheiden wir uns auch heute gegen das geplante Ziel und für den beschwerlichen Abstieg: über steile, rutschige Pfade, im Slalom durch gruselige Lawinenbebauungen - für ein kilometerlanges Gehatsche auf hartem, langweiligem Forstweg in strömendem Regen. 1700HM aller et retour, 20KM Strecke haben wir am Ende des Tages gemeistert. Kurz nach 20 Uhr sind wir am Auto. Die Füße haben von den Stiefeln die Schnauze voll.

Keine halbe Stunde später sitzen wir vor der wahrscheinlich köstlichsten Fritattensuppe der Welt und einem zischenden Radler; das Design-Hotel zur Wiederaufpäppelung ist gebucht (Tipp als Basislager für Entdecker: explorer hotels). Eine wunderbar heiße Dusche später, hängen die nassen Klamotten quer im Zimmer an allen Haken und wir mümmeln unter einer gemütlich- warmen Decke und freuen uns wie Schneeköniginnen, demselben entronnen zu sein. Morgen werden wir ausschlafen, ausgiebig frühstücken und ganz entspannt und gesund nach Hause fahren.

Und so kommt es auch. Es schüttet noch immer aus Kübeln, als wir uns zum gemütlichen Frühstück niederlassen. Die Berge sind ab 2000m weiß - es liegt Schnee. Wieder einmal haben wir richtig entschieden. Noch während der Kaffee in den Tassen dampft, planen wir die nächste Tour durch die Verwall-Gruppe.

Umdrehen heißt bei uns auch Wiederkommen.
Bis zum nächsten mal Montafon - dann wieder bei schönem Wetter!