2017. Gipfeltag. Schritt für Schritt auf 4810
08.07.2017

Gitta:

Ich gehe. Das fällt mir nicht leicht. Vor mir steht ein Riese. Die Ausmaße sind unbeschreiblich. Hoch. Groß. Unendlich. Steil. Werde ich es schaffen? Schritt für Schritt, Atemzug um Atemzug gehe ich hinter Andy am kurzen Seil. Der Wind wird immer stärker, zerrt an mir. Fliegen wäre jetzt ein Leichtes. So geht es Meter um Meter. Der erste Bossesgrat ist unbeschreiblich steil. Den Sonnenaufgang nehme ich nur aus dem Augenwinkel war. Der Fokus ist immer auf den nächsten Tritt gerichtet. Das geht so dahin. Endlos. Die Welt verschwindet und kein Gipfel in Sicht. Der zweite, der kleine Bossesgrat liegt hinter mir. Wir überholen Seilschaften, die vor uns laufen. Es geht mir gut. Ich habe meinen Rhythmus gefunden. Ein Schritt - Ein- und Ausatmen. Die Stufen im Schnee werden höher. Noch immer kein Gipfel. Auch keine Sonne mehr. Wir sind in einer Fönwolke verschwunden. Mehr als die Hälfte ist geschafft. Der Wind nimmt zu. Irgendwann spüre ich wie die Schritte leichter werden. Der Berg flacher. Ich stehe auf dem Gipfel. Tränen rollen mir über das Gesicht. Demut. Dankbarkeit. Freude. Traurigkeit. Alles auf einmal überkommt mich. Ich wollte mit Marie jetzt und hier die Arme in den Himmel strecken. Sie fehlt so sehr. Das schmerzt mehr, als der Erfolg über das Erreichen des Gipfels Glück freisetzt. Weiter nach oben geht es nicht. Nicht in Europa. Ich schaue ins Leere. Der Gipfel gehört uns tatsächlich für einen Augenblick ganz alleine. Dass sich die riesige Fönwolke ausgerechnet um den Gipfel gelegt hat und die Aussicht raubt, stört mich nicht. Im Gegenteil – ich empfinde das als Erlösung. Es macht die Situation ohne Marie hier oben zu stehen erträglicher. Andreas holt mich aus meinen Gedanken. Er hat bereits fotografiert: Cuvée Mont Blanc – Summited um 7:23 Uhr am 8. Juli 2017. Den ersten Schluck bekommt der Berg. Wir trinken auf Marie. Nur weil sie da unten alleine in dem Notfallbiwak aushält, können wir jetzt hier oben stehen. Und dann geht es wieder runter. Andy ruft mir zu – „Lass laufen Gitta“ – und ich komme dem nur zu gern nach. Im Eiltempo geht es wieder zum Vallot Bivouac und zu Marie. Es geht ihr etwas besser. Sie freut sich für mich. Wir erleben unseren ‚Moment du Grâce‘ jetzt und hier. Wer braucht schon einen Gipfel!