2017. Tödliche Unfälle am Mont Blanc
10.08.2017

Diese Tage wird in den Medien vermehrt von tödlichen Unfällen am Mont Blanc Massiv berichtet. Dabei ist nicht immer die Rede vom Anstieg auf den Mont Blanc Gipfel. Das Massiv bietet mannigfaltig Herausforderungen für Bergsteiger. Viele unserer Freunde und unsere Familien haben Stoßgebete zum Himmel geschickt, dass sie uns gesund zurückgekehrt wissen. Aber anderswo gibt es jetzt Familien und Freunde, die mit dem schmerzlichen Verlust eines geliebten Menschen leben müssen.

Wie auf diese Tragödien aus unserer Sicht reagieren? Stillschweigen? Ignorieren? Oder doch ein paar Gedanken dazu teilen? Wir haben uns für Letzteres entschieden.

Mit seiner magischen Anziehungskraft lockt der Mont Blanc zigtausende Bergsteiger (darunter auch unerfahrene wie uns) an. Beim Gipfelan- und abstieg sind uns Seilschaften begegnet, die mit viel zu langem Seil unterwegs waren. Damit haben sie nicht nur sich und die eigene Seilschaft, sondern alle Bergsteiger, die ihnen begegnet sind in unnötige Gefahr gebracht. Mit seinen plötzlichen Wetterumschwüngen, Stein- und Eisschlag bringt dieser Mythos aber auch erfahrene Alpinisten an ihre Grenzen wie die jüngsten Todesfälle zeigen.

Auf den Mont Blanc darf jeder. Anders als im Himalaya braucht es keine Erlaubnis; es besteht kein Bergführerzwang. Als wir wieder sicher auf Tête Rousse gelandet waren, wurde dies - auch unter dem Eindruck des gerade Erlebten von unserem Bergführer Andreas mit Tsering, einem vor Ort seit vielen Jahren arbeitenden Nepalesen, diskutiert. Tsering hat schon viel an diesem Berg mitgemacht. Vielleicht wäre eine Bergführer-Pflicht ein Weg, die zahlreichen Einsätze der Bergrettung vor Ort, die durch Leichtsinn notwendig werden, zu reduzieren. Eine Chance die Gefahr, die durch Hobby-Bergsteiger entsteht, einzudämmen. Aber die kommerziellen Interessen verschiedenster Gruppen verhindern bislang eine derartige Verpflichtung für eine Mont Blanc Besteigung. Zudem die schwierige Frage: wo anfangen, wo aufhören? Und auch wenn es eine solche Einigung je geben würde, eine Garantie für ein gesundes Nachhausekommen wäre auch dies nicht. Dieser Berg ist ein Wolf im Schafspelz. Seine von der Ferne so sanfte Kuppel trügt.

Wir durften wieder gesund zu unseren Familien zurückkehren. Dafür sind wir zutiefst dankbar. Bei der überwiegenden Leichtigkeit unserer Mont Blanc-Berichterstattung hier, unserer Lebensfreude, und unserem Wein, der gemacht wurde, um den Augenblick zu zelebrieren, möchten wir in aller Deutlichkeit darauf hinweisen, dass wir uns für unser Abenteuer intensiv und monatelang vorbereitet haben. Es soll hier nicht der Eindruck entstehen, man steigt mal eben so auf den höchsten Berg Europas. Andreas meinte – eigentlich steht ein Berg wie der Mont Blanc am Ende einer langjährigen Bergsteigerkarriere.
Wer so lange nicht warten mag und diesem magischen Berg besteigen will, hier ein kleiner Auszug unserer Vorbereitung (Trainingspläne, Berichte zu Vorbereitungstouren, Akklimatisierungstagen werden wir nach und nach hier bloggen).

Von September 2015 bis Juni 2017 haben wir:

  • Stunden, ja Tage damit verbracht, Reportagen, Berichte, Filme und Bilder zu sichten, um einschätzen zu können, auf was wir uns einlassen wollen, bevor wir überhaupt losgelegt haben
  • ausführlich die Angebote zahlreicher Alpinschulen studiert, um uns dann schlussendlich für eine individuelle Vorbereitung und Durchführung zu entschieden
  • im Schnitt zweimal pro Woche in der Kletterhalle Physis, Technik und Psyche trainiert
  • mit Bergführern im Allgäu Schwierigkeitsgrade erlernt, wie sie uns am Mont Blanc erwartet haben
  • unsere Kondition für stundenlanges Bergauf- und Bergablaufen trainiert
  • unsere Hochtourentauglichkeit auf einem halben Duzend 4000er bei Hitze und Eiseskälte getestet und geschult
  • sorgfältig eine Hochtourenausrüstung zusammen getragen
  • uns Zeit genommen, um bestens akklimatisiert den eigentlichen Aufstieg zu beginnen
  • uns einen erfahrenen, ortskundigen und vor allem sehr umsichtigen Bergführer genommen


Wenn wir heute hier schreiben, dann mit der klaren Botschaft, dass wir den Bergen und erst recht dem Mont Blanc mit großem Respekt und in tiefer Demut begegnen. Wir wollen mit unserer Berichterstattung auf keinen Fall dazu beitragen, dass der Eindruck entsteht, man geht mal eben so auf den höchsten Berg Europas.Wir möchten mit diesen Zeilen weder warnen, noch mahnen, wir wollen keinen Ratschlag geben. Wir wollen nur unser Erlebtes teilen. Mag jeder selbst entscheiden, was davon für ihn hilfreich ist.

Die Tatsache, dass wir uns beim ersten Anlauf der unerwartenden winterlichen Witterungen am Berg geschlagen geben mussten; Andreas zum Rückzug geblasen hat, und dass beim zweiten Anlauf, eine von uns beiden der Kälte und dem stürmischen Wind auf 4363m nichts mehr entgegenzusetzen hatte, beweist, dass auch bei intensivster Vorbereitung die extremen Bedingungen an diesem Berg zur größten Vorsicht mahnen. Für nicht wenige endete an diesem Tag der Gifpelanstieg am Vallot-Biwak. Gut, wenn man das an dieser Stelle noch selbst entscheiden kann. „Wer umkehren kann, kann auch wiederkommen.“ Wie tragisch ist es, wenn einem Bergsteiger diese Möglichkeit verwehrt bleibt.

Immer wieder gesund nach Hause kommen, ist das eigentliche Ziel jeder Tour.