2018. 3x Gratwanderung im Wallis. TEIL 2
27.08.2018

Noch vor dem Sonnenaufgang geht es los, damit wir sicher und zügig über den hart gefrorenen Gletscher bis zum Einstieg des Grats kommen. Was uns heute erwartet, sieht sehr ambitioniert aus. Und bei näherer Betrachtung stellt sich heraus - ist es auch! Ein gutes Stück Arbeit ist der Anstieg und der Schlussanstieg auf Eis und Schnee ist richtig fies. Vielleicht sind wir auch einfach nicht so fit… andere Aufgaben haben diesen Sommer Zeit für das sonst intensivere Training bekommen. Über ein kurzes Stück schmierigen Schotters geht es auf den exponierten Grat. Der Blick nach oben verrät nicht viel – der Grat ist zu steil. Vielleicht auch besser so…

Gefackelt wird nicht lange. Gesprochen nicht viel. Die Gletscherseillänge wird zügig auf Kletterlänge gekürzt, Steigeisen wandern in den Rucksack. Kletterhandschuhe kommen raus. Eins ist klar, das hier ist eine andere Hausnummer als das 'Trainings-Gelände' gestern und so finden wir uns auch am Karabiner von Andy wieder, der vorsteigt. Das hat Mont Blanc Charakter!

Wir sind ganz alleine unterwegs. Ein paar Bergfinken kreisen um uns; GsD sind es keine Geier. Keine Menschenseele weit und breit. Die Berge, die Welt hier – sie gehört uns. Meter um Meter erobern wir hochkonzentriert den Grat. Setzen jeden Schritt, jeden Griff bewusst. Steigen, klettern, ziehen uns hoch. Fragen uns wo – wo soll hier der sicherste Weg sein?

Andreas fordert uns. Wir lernen mit jedem Schritt echtes Felsklettern. Fühlt sich ganz anders aus, als Sportklettern in der Halle. Wir suchen die besten Griffe. Kleine Felsleisten – seien sie noch so winzig, geben den großen Schuhen halt. Vertrauen! Das zählt bei jedem Schritt. Vertrauen in den Fels, in den Schuh, in uns, in den Partner. Wir achten auf lose Steine; die werden schnell zur Gefahr für den Nachsteigenden. Nur in den kurzen Trinkpausen können wir das großartige Panorama an diesem sonnigen Traumtag genießen. Mit jedem Höhenmeter ragen immer mehr einsame Gipfel aus dem Meer an Bergen um uns herum.

Vor unseren Gipfel, den Pic de Mourty (3.564m), hat die Natur ein steiles Gletscherbett gelegt. So heißt es noch einmal die Steigeisen aus dem Rucksack holen. Unter der jetzt aufgeweichten Schneedecke ragt das blanke Eis hervor. Ausrutschen wäre fatal! Es gäbe kein Halten mehr. Andy geht auf Nummer Sicher. In schnellem Schritt steigt er vor, macht mit dem Eispickel eine Sicherung und gibt das Zeichen zum Nachkommen. Jetzt ist der Gipfel zum Greifen nahe. Wir kraxeln über die letzten Meter Felsen. Und während die scharfen Zähne der Steigeisen auf dem Granit Halt suchen, geben sie hässliche Geräusche von sich. Es ist, wie wenn man mit einem Nagel über eine Eisenplatte fährt. Unerwartet fast kommt der Gipfel. Eine kleine Madonna aus Gusseisen begrüßt uns mit offenen Armen. Wir haben es geschafft. Sind oben. 3.564 Meter über dem Meer. Atemlos. Beeindruckt. Von der Weite. Von unserer Leistung. Jeder sucht sich eine kleine Ritze zum Sitzen. Der Gipfel ist eigentlich ein Gipfelchen; so groß wie der Deckel eines Weinfasses. Links und rechts geht es runter. Direttissima. Was für ein Gefühl hier oben zu sein nach dieser Anstrengung und Anspannung – großartig! Alles fällt von einem ab. In der Ferne grüßt der Mont Blanc. Wie immer majestätisch. Auch ohne es zu wissen, ist klar, er ist der Größte. Aber heute hier, ist dieser Gipfel das größte Glück für uns. Es herrscht eine große Stille um uns herum. Kein Wind. Alles wirkt selig und friedlich. Das überträgt sich in unserer Seele. Wir stärken uns mit Schokolade, während wir versuchen, uns an dem Panorama satt zu sehen. Aber davon bekommt man einfach nie genug. Die Zeit reicht auch nicht. ‚Summit is only half way!‘. Das gilt auch hier. Aller et retour. Auf demselben Weg geht es zurück: Perspektivenwechsel! Derselbe Weg – alles neu.

Die Konzentration muss auch beim Abstieg hoch bleiben! Auch jetzt nach vielen Stunden. Erst als wir wieder sicher auf dem Gletscher gelandet sind, bekommt der Kopf Pause. Wir gehen jetzt wieder am langen Seil. Gemeinsam und doch jeder für sich, in Gedanken versunken. Immer wieder schauen wir zurück – fast ungläubig, dass wir wirklich dort oben gestanden sind.

Nach 8 Stunden erreichen wir die Hütte. Die Zeit, Strecke, Höhenmeter, Kletterei, Konzentration, Eindrücke, all das fordert Tribut. Hungrig stürzen wir uns auf Pain Crouté mit Spiegelei. Und dann wollen Arme, Beine, Kopf nur noch eines – ruhen! Bevor uns das wohlige Gefühl körperlicher Erschöpfung überkommt, gönnen wir uns den Luxus einer Dusche. Was für eine Wohltat! Herrlich.

Andreas dagegen turnt weiter und sucht während wir ruhen, das Abenteuer für den nächsten Tag aus. Fortsetzung folgt…