2017. An die Scheren - fertig - los!
25.09.2017

TEIL 1

„Man muss dem Augenblick Kränze weihen“ sagt Robert beim Abschied. Der Mann ist 88 Jahre alt und er hat sein Leben in den Weinbergen am Stuttgarter Württemberg verbracht. Es ist fast 20 Uhr, die Sonne hat sich bereits am Horizont verabschiedet und der Dämmerung ihren Platz eingeräumt. Ein langer wunderschöner Weinlesetag geht zu Ende.

Ein Blick zurück: in der Nacht zum 20. April 2017 fielen in Württemberg die Temperaturen unter minus 7°C. Das verheerende daran: kurz zuvor gab es aufgrund der besonders warmen Frühlingstemperaturen einen Vegetationsvorsprung von zwei Wochen. Die deshalb teilweise schon geöffneten Blüten hatten dem unerwünschten Frost nur wenig entgegenzusetzen. Die Lage war landauf, landab dramatisch; es wurde mit den schlimmsten Frostschäden seit 1956 gerechnet. Auch unsere Cuvée Mont Blanc stand kurzzeitig auf der Kippe.

Fünf Monate sind seither vergangen. Eine Zeit voller Bangen und Hoffen. Eine Zeit voller Arbeit. Denn Frostschaden hin oder her, die Arbeit im Weinberg muss verrichtet werden, auch wenn eine ertragsreiche Ernte nicht sicher ist. Wie groß der Schaden tatsächlich ausfallen wird, wird sich erst jetzt bei der Ernte zeigen. Diese ist seit 10 Tagen in vollem Gange – viel früher als gewöhnlich. Die Vegetation zieht stoisch ihren Rhythmus durch, der Kalender ist ihr egal.

Es ist das erste Herbstwochenende. wir schnüren die (Wein-) Bergstiefel und schnappen uns (statt Eispickel) die scharfe Weinleseschere. Letzte Nacht war kühl und am Morgen liegt noch eine Dunstwolke über den Weinbergen Stuttgarts. Glasklare Tautropfen klammern sich an die Grashalme; als schwante es ihnen, dass die aufgehende Sonne ihnen den Gar ausmachen würde.

Der Weinlesetag beginnt wie aus dem Bilderbuch. Um 9 Uhr treffen wir uns am Rotenberg vor dem Haus von Robert. Ein bunter Haufen Generationen von 8 bis 88 Jahren sind wir. Vielleicht 20-25 freiwillige Helfer, dazu die Winzer. Dieses Jahr wird der bunte Reigen von Jung-Winzer Mathieu Bubeck angeführt, der die Weinberge mutig geradewegs nach Abschluss seines Studiums von seinem Vater übernommen hat. Dabei kann er auf den reichen Erfahrungsschatz und die Unterstützung der Vorgängergenerationen und einer wunderbaren Familie bauen. Ruhig weist er uns in den Start des heutigen Lesetages ein. Keine Aufregung. Warum auch? Er kennt den Ablauf von klein auf und um ihn herum ist eine erfahrene Mannschaft, die auch die Neulinge freundlich unter ihre Fittiche nehmen.

An die Scheren - fertig - los! Auf "Busle" verteilt geht es mitten hinein in die Steillagen am Rotenberg. Stuttgart liegt uns zu Füßen, der Fernsehturm wacht aufmerksam auf der anderen Seite des Kessels. Wir schnappen unsere Scheren, grüne Wannen für das Lesegut und verteilen uns querbeet durch die Reihen. Wo wir vor ein paar Wochen noch bergauf trainiert haben, um uns fit für den Mont Blanc zu machen, geht es jetzt immer zu zweit durch eine Reihe bergab - wenn möglich im selben Tempo. Schnipp-schnapp. Zum Warming-up ernten wir Kerner. Stück für Stück schneiden wir die dicken, festen Trauben von ihren Ästen. Es wird gelesen, geredet, gelacht – alles gleichzeitig. Zwischendurch wandert immer wieder ein Träublein in den Mund – sie schmecken köstlich, zuckersüß, noch frisch von der nächtlichen Kühle.


Wir kommen gut voran und der Kerner hat seine Zeit am Rebstock gesehen und wird in großen 1000kg Schütten in die Kelter gefahren. Für uns heißt es aufsitzen. Der Tross bewegt sich zum nächsten Weinberg, der sitzt ein paar Lagen tiefer und ist dafür gleich ein paar Grad Celsius wärmer. Die Sonne lacht uns ins Gesicht, oder wärmt angenehm den Rücken. Es ist ein herrlicher Tag geworden. Als nächstes gehen wir dem Silvaner an den Kragen. Weinbergtrauben sind anders als Tafeltrauben. Sie sind kleiner, dicht, komplex, kräftig, fest und schmiegen sich ganz eng aneinander. So manche von ihnen ist so innig in den Rebstock verschlungen, dass man sie mit filigranem Schnitt herausoperieren muss. Schwester – Skalpell bitte. Wir bekommen sie alle – keine entkommt. Auch die kleinen, drallen Silvaner-Beeren sind so verlockend, dass man der Verführung nicht widerstehen kann, fortwährend ein paar davon in den Mund zu schieben. Die Hände – wie die Hose kleben bereits wie Bolle, aber das merken wir erst als wir fertig sind. Bis dahin gehört die ganze Aufmerksamkeit zum einem dem Gespräch mit dem Gegenüber und nicht zuletzt den eigenen Fingern. Nicht selten kommt einer der scharfen Schere in die Quere. Pflaster liegt für alle Fälle schon mal bereit.

Trauben – Rebe – Beere. Was ist denn nun eigentlich was?
Ein kleiner Exkurs zwischendurch. Was umgangssprachlich gerne als Traube bezeichnet wird, ist eigentlich die Beere. Und das Beerenkonglomerat ist die Traube. Und alle Konglomerate hausen in stiller Eintracht an einem Rebstock, auch Rebe genannt. Alles klar? OK, war ja nur ein Versuch, etwas Winzerlatein zu verbreiten. Also wieder zurück in die Weinberge – dort wo die Reben stehen.

Als der Silvaner im Kasten ist, hat die Sonne längst ihren Zenit überschritten und ein Hüngerchen macht sich bemerkbar. Das Bubeck’sche Catering hat bereits aufgefahren: Kaffee, Apfelsaftschorle, Butterbrezeln und ein luftig lockerer Hefezopf warten auf uns.

Damit wir nicht an ihm festkleben, ist auch für Wasser zum Händewaschen gedacht worden. Jeder schnappt sich was und lässt sich dekorativ an Ort und Stelle nieder. Die Pause tut gut. Auch Robert hat sein Pausenplätzchen auf einem Anhänger gefunden, allerdings ist er mit der Gesamtsituation nur bedingt einverstanden. Auf die Frage, ob man ihm etwas zu trinken bringen darf, antwortet er ohne zu zögern „s'isch ja nix Gscheits do“. Klare Ansage – hier fehlt ein Gläschen Trollinger. Mit Wasser und Kaffee kann man den alten Hasen nicht hinter dem Ofen hervorlocken. Manches war früher eben besser.

LESEPAUSE!

Zugegeben - dieser Artikel ist etwas lang geraten. Wir wissen einfach nicht, wo wir diesen herrlichen Tag kürzen sollen. Also gibt es jetzt eine Lesepause. Zeit für einen Kaffee oder Tee, oder ab 18 Uhr doch besser ein Glas Wein.

TEIL 2

Man könnte ewig so sitzen und den Herrgott einen guten Mann sein lassen, aber da wartet noch der nächste Silvaner Weinberg namens "Kalkofen" auf uns. Hui, jui, jui! Es geht dieses Mal steil hinab beim Zustieg zum Weinberg. Unsere Lesewanne, die auf einem kleinen ‚Skateboard‘ stehend, fahrtauglich getunt wurde, haut in der ersten Kurve ab. Gut, dass noch nichts drin war! Und wieder schwirren wir aus, zu zweit in einer Reihe. Wieder wird geredet, gelacht. Die Laune ist so gut wie am Morgen – auch nach vielen Stunden des Lesens. Es ist eine herrliche Art und Weise, Zeit gemeinsam zu verbringen. Gegen 16 Uhr ist das Tagwerk vollbracht. Unser Blick geht auf drei gefüllte Zuber mit goldgelb glänzenden Weintrauben. Wir überschlagen kurz und stellen fest, dass wir heute summa summarum so an die 3600 Liter Wein und damit knapp 15.000 Viertele gelesen haben. Das ist doch ein Wort! Genauso viel Liter stecken übrigens auch in den 4810 Flaschen der Cuvée Mont Blanc. Man bekommt einen ganz anderen Bezug zu einem Produkt, wenn man selbst Hand anlegt. Und wir hatten heute den angenehmsten Teil dieser Arbeit. All die vielen Tage, Wochen, Monate Arbeit, die Mathieu und seine Kollegen im Weinberg bei jedem Wetter verbracht haben, stecken in diesen Trauben.


Spaziergänger kommen vorbei und fast andächtig betrachten sie die Ernte. Man ist sofort im Gespräch. Mathieu reicht ihnen ein paar der köstlichen Trauben als kleine Wegzehrung. Im Wein liegt Magie. Er verbindet Menschen, ob bei der Arbeit im Weinberg, in einem flüchtigen Augenblick der Begegnung, beim gemeinsamen Genießen.

Dann ist Schluss. Zumindest für uns Lesehelfer. In der Kelter läuft der Apparat weiter auf Hochtouren. Es wird entrappt, zerdrückt, gepresst, gemaischt, fermentiert, kontrolliert, gefiltert, geschuftet – fast rund um die Uhr und das so lange, bis alles Lesegut in den Tanks oder Fässern einer wunderbaren Metamorphose entgegenreifen kann. Und während im Weinkeller alle Arbeitsschritte mit versierter Hand sorgfältig und mit Vollgas erledigt werden, lehnen wir Lesehelfer uns entspannt und bestens gelaunt zurück. Jetzt kommt der Genuss!

Ein fantastisches Vesper ist angerichtet – im ‚Kurvengärtle‘ mit einer grandiosen Aussicht über den Talkessel von Stuttgart bis hinüber ins Luginsland. Die Sonne scheint an diesem ersten Herbsttag noch immer wärmend vom diesig blauen Himmel. Die Tafel ist reich gedeckt mit Kartoffelsalat, Tomaten aus dem Weinberggärtle, Brot, Brezeln, Wurst, Käse, Kuchen – es gibt alles, was das Herz begehrt und es gibt natürlich Wein. Jetzt haben wir uns ein Schlückchen verdient. Auch Robert kommt endlich auf seine Kosten :). Wie es sich gehört, landet die Traubensorte im Glas, die wir tagsüber geerntet haben: der Silvaner Jahrgang 2016. Der Wein ist schön gekühlt und der erste Schluck rinnt gierig die Kehle hinunter. Die Arbeit liegt hinter uns. Geredet und gelacht wird noch immer. Un moment de grâce. In diesem Augenblick kann man nicht anders, als pures Glück zu empfinden, oder wie Robert später sagen wird – das ist ein Augenblick, um ihm Kränze zu weihen.